Hartmut Witte
Friederich Werthmann
Retrospektive
Skulpturenmuseum Glaskasten Marl

Einführung zur Eröffnung am 13. April 2003


Poesie in Stahl

Das Werk von Friederich Werthmann umfaßt aus den letzten 45 Jahren etwa 800 Skulpturen. Rechnet man die mehrfach hergestellten Arbeiten hinzu, dann sind es an die 1.100. Die beiden Retrospektiven hier in Marl und in der Kunsthalle Barmen in Wuppertal eröffnen - mit unterschiedlichen Gewichtungen - nun einen Überblick über alle Schaffensphasen und Werkgruppen des Künstlers in einer mehr als 45jährigen Entwicklung. Die hier und in Barmen mehr als 125 ausgestellten Arbeiten belegen eindrucksvoll die herausragende Bedeutung Friederich Werthmanns innerhalb der Bildhauerei des letzten halben Jahrhunderts.

Ende der 40er beginnt Friederich Werthmann als Autodidakt, er macht eine Lehre als Maurer und bildet sich künstlerisch, er arbeitet in Holz und Stein und experimentiert mit Beton. 1957 schließlich - nach Experimenten mit Stahl und Betonkombinationen - beginnt er mit ersten reinen Stahlskulpturen, die fortan sein weiteres Werk bestimmen. Hier setzt auch das zu den Retrospektiven erschienene Werkverzeichnis des Künstlers ein, es beginnt mit den ersten sechs Skulpturen des Jahres 1957, von den hier zwei Beispiele ausgestellt sind, das Trigon I (WVZ 4) und das Trigon Düren (WVZ 6). Gleich in den ersten Arbeiten und den folgenden der ersten Jahre zeigt sich die Formensprache, der Weg Werthmanns. Hier als weitere Beispiele „Piero“ von 1959 und schließlich die „Entelechie II“ von 1960.

Von Anfang an arbeitet der Stahlbildhauer Werthmann abstrakt, gegenständliche Anspielungen bleiben die Ausnahme. Die Grundformen sind in der Regel geometrisch - ob Form oder Körper: Dreieck bis Mehreck, Kreis, Kugel, Kubus, Zylinder. Diese Formen können bewegt umschrieben sein (wie in den „Entelechien“ von 1960 und 61), poetisch reduziert beschrieben (wie in der „Campione“ von 1972) bis mathematisch berechnete Sinus-Cosinus-Skulpturen und Loops.

Der Titel „Entelechie“ scheint programmatisch und wegweisend für das Werk Werthmanns. Für Aristoteles hatte jedes in der Wirklichkeit antreffbare Gebilde eine Entelechie. Das Wort stammt aus dem Griechischen „en telos echei“, das Ziel in sich haben. Entelechie bedeutet den inneren Sinngehalt, welcher danach strebt, sich immer vollkommener zu verkörpern. Die Vollkommenheit drückt sich in formaler Harmonie und Schönheit aus. Sie ist zugleich der Endzweck, auf den die Entelechie hindrängt. Form und Materie bzw. Stoff eines Gegenstandes sind bei Aristoteles getrennte Prinzipien. Das Stoffliche ist für ihn um so vollkommener, proportionierter und harmonischer geformt, je reiner sich die Entelechie in ihm verkörpert. Man könnte auch von der beseelten Form sprechen.
Wir werden verwiesen auf das Wesen der abstrakten Skulptur: Die Form meint sich selbst, in ihr liegt ihr Sinn. Weiter: Die Form löst sich von der Materie, vom Stofflichen. Deshalb wirken die Skulpturen Friederich Werthmanns trotz des gewichtigen Stahls erstaunlich leicht, poetisch oder dynamisch.Hier liegt eines der Geheimnisse der Faszination der Skulpturen Friederich Werthmanns.

Die von Herrn Dr. Rüth vom Skulpturenmuseum getroffene Auswahl der Arbeiten macht das Gesagte einsichtig, besonders in der Auswahl der Kugel- und Kreisformen. Der Kreis und die Kugel gelten als vollkommene Formen, sie verkörpern in vielerlei Hinsicht das Anliegen Friederich Werthmanns, sie sind immer wiederkehrendes Thema - eine „Kreisende Wiederkehr“. Daß die so betitelte Skulptur von 1960 (WVZ 64) für Einladung, Plakat und Einband des Werkverzeichnisses ausgewählt wurde, ist also kein Zufall.

Kleine Metallteile mit deutlichen Schweißspuren umschreiben sphärisch Raum und Form: als Ballungen in kulminierenden oder auch auseinanderstrebenden Bewegungen, hieraus entwickelt sich eine Dynamik strukturierter und kontinuierlicher Bewegtheit. Dies ist kennzeichnend für die Kunst Friederich Werthmanns, für seine Technik, sie findet sich nicht nur in den Kugelformen, schon in den frühen „Trigonen“, die kleinteilig eine Dreiecksform beschreiben, in kulminierenden Sphären wie der „Demisphäre“ von 1963; sie findet sich ferner in vielen Reliefs. Hier als Beispiel die „Interferenz“von 1961, Interferenz hier bezogen auf die Vorstellung von zwei ins Wasser geworfene Steinen, deren Wellenringe sich überschneiden und überspielen.
Neben den die Form beschreibenden Elementen gibt es von Anfang des Werkes an raumgreifende Skulpturen, die die Form rhythisch im Raum strukturiert, zeichenhaft oder musikalisch, in den Titeln wird mehr oder weniger offen verwiesen. So finden wir Skulpturen, die bezeichnet sind als Crescendo, Fuge, Lento, Staccato, Toccata u.ä., andere sind Hommagen an Künstler wie Paolo Uccello und Piero della Francesca. Als frühes Beispiel hierfür die Skulptur „Piero“ von 1959.
Bald wird die Bewegtheit der Formelemente auch umgesetzt in eine Bewegung der gesamten Form, so z.B. beim frei hängenden und sich drehenden „Nekrolog“ von 1962 oder beim „Biest mit dem Apfel“ von 1967, das sich im Wind um die eigene Achse dreht.

Eine andere Gruppe von Arbeiten ab 1969 vereinigt die eben genannten Merkmale, Form beschreibende und Raum greifende Elemente setzen sich in Bewegung, sie schwingen auf dünnen Stahlstangen. Ausgestellt sind hier „Klein in Groß“ von 1970, sowie die „Campione“ und die „Fifona“ von 1972. Diese Skulpturen ziehen sich bis 1989 durch das Werk von Friederich Werthmann.

Eine besondere und mir sonst nicht bekannte Form des Reliefs sind die von Friederich Werthmann so benannten „Wand-Lungen“, zweiseitige Reliefs die eine trennende Wand oder Mauer durchdringend oder umklammernd einbeziehen. Das Relief hat zwei Ansichten, die nicht gleichzeitig sehbar sind, je nach Anbringung kann es noch eine dritte Ansicht im Profil geben. Das ausgestellte „Janus-Relief“ von 1967 ist konzipiert für eine Stirnwand, das Relief „Dü in Dü Di“ (das ist Tessiner Dialekt und heißt „Zwei in zwei Tagen“) von 1973 durchdringt eine Wand durch eine runde Öffnung.

Anfang der 70er Jahre entstehen erstmal geschlossene Formen, zuerst und leicht nachzuvollziehen als Kugeln. Erst sind sie hälftig aus Teilchen geschweißt und verbunden mit einer geschlossenen Halbkugel, dann auch ganz geschlossen ohne umschreibende Elemente.

„Die dynamischen Bewegungsformen im Wechsel von Verdichtung und Auflösung“, die sich umschreibende Form, beginnt 1975 in einer besonderen Werkgruppe sich umzukehren, geschlossene Formen spannen sich, werden von einer innen liegenden Kraft ausgewölbt oder aufgebrochen. Es ist die Werkgruppe der „Dynas“, die in den Schaffensjahren 1976 - 1985 dominieren. Diese Werkgruppe betont die Dynamik der Form, die von ihr ausgehende Kraft, die nach außen drängt und die eigenen Grenzen, die Umhüllung sprengt. Dies wird im wahrsten Sinne des Wortes erreicht durch Gestaltung mit der Kraft explodierenden Dynamits, das, je nach Dosierung, den Stahl formt oder aufbricht.
Die erste so entstandene Skulptur ist die hier aus gestellte „S‘po‘be‘mia“ (tess. Dialekt: „Das kann ja wohl nicht sein“) von 1975, eine 5,5 m hohe runde Stele die etwa in der Mitte durch eine Dynamitsprengung gewölbt und aufgebrochen ist. Die Bodenskulptur „Dyna-Conca“, ebenfalls von 1975 ist die zweite so bearbeitete Skulptur.

Wo man vielleicht Zufall vermuten könnte, waltet doch - neben der Vorsicht - eine sorgsame Platzierung und Dosierung des Dynamits, das Friedrich Werthmann immer perfekter beherrscht. Zwei Hauptwerke - beides begehbare Skulpturen - zeigen das eindrucksvoll.
Da ist die „Dyna-Vinci“ von 1981, zwei aufgestellte gebogene Stahlplatten in der - an die berühmte da Vinci-Zeichnung angelehnt - je eine menschliche Figur in einem Kreis stehend eingesprengt wurde.
„Schach-Patt“ heißt die andere Arbeit von 1980, sie besteht wie ein Schachbrett aus 64 Stahlplatten und 32 Stelen. Die Stelen sind ähnlich, als Schachfiguren nicht zu unterscheiden als Bauer oder König.

Obwohl die dynamisierten Skulpturen sich in Ihrer Erscheinung sehr vom sonstigen Werk Werthmanns unterscheiden, so gibt es doch manche Gemeinsamkeit. Auch hier geht es um die abstrakten geometrischen Grundformen. Und den Dynas wohnt eine Kraft inne, eine Bewegung, die wie in einer Monentaufnahme festgehalten ist.
Dabei wird die harte Form durch den Druck des explodierenden Dynamits scheinbar aufgeweicht, und die Skulpturen erhalten trotz ihrer tatsächlichen Schwere eine faszinierende Leichtigkeit, gesteigert noch durch das matt reflektierende Licht auf dem seidigen polierten Chrom-Nickel-Stahl.

Formal und in ihrer Bewegtheit schließen die Skulpturen ab 1987 wieder zunehmend an die vibrieredenden Arbeiten von vor 1975 an (z.B. an die „Campione“ von 1972). Die „Parallelogramme“ benannte Werkgruppe Werkgruppe betont die Dynamik des Raumes, der aufgenommen und strukturiert wird durch Bewegungslinien – Stahlstangen weisen die Richtung. Der Wechsel der Raumbeschreibung vollzieht sich in geschweißten, knotenartigen Verdickungen. In diesen Skulpturen wird – ähnlich wie in den „Dynas“ die Form verlassen, sie bricht auf und wird raumgreifend und sogar raumbildend, sie beschreiben dabei ausschnitthaft offene, nicht statische Räume, entsprechend beginnen die Skulpturen bei der leisesten Berührung zu vibrieren.
Diese Werkgruppe wird in Wuppertal in einem eigenem Raum vorgestellt, hier beschränken wir uns auf das Beispiel „Zwölver“ von 1989.

Für die Arbeiten von Friederich Werthmann gibt es immer wieder den Einordnungsversuch in die Kunstrichtung des Informell. Das rührt u.a. aus der Mitwirkung in der Düsseldorfer Künstlervereinigung „Gruppe 53“ die die Informelle Malerei durchsetzen wollte. Die Kategorie des Zufälligen läßt sich aber schlecht auf die Skulptur übertragen, das Material des Bildhauers ist spröder als Öl, Wasser und Pigmente. Klecksen, Dripping oder die großen malerischen Gesten etwa eines K.O.Götz - das funktioniert eben nicht mit Stein, Kunststoff oder Stahl. Die „informelle“ Leichtigkeit, wie sie sich z.B. in den frühen Bildern des früh verstorbenen Peter Brünig zeigt, findet sich interessanterweise dennoch in vielen Werkgruppen von Friederich Werthmann, in den Entelechien, den Sphären, in vielen Reliefs, in den vibrierenden oder sich bewegenden Skulpturen. Es zeigt sich trotz der Schwere des Materials eine Leichtigkeit, als hätten sich hingeworfene Metallteile im freien Flug zur Form vereinigt, sich miteinander verschweißt. Der Wurf hält inne und wird zur Skulptur. Tatsächlich aber setzen diese Arbeiten logische statische Schritte, ein klares Konzept voraus. Der Entstehungsprozeß ist paradox zur Wirkung, vorstellbar etwa als eine Art Zeitlupe rückwärts. Die Arbeit folgt ganz bewußten und rein technisch notwendigen Schritten, wird langsam Stück für Stück aufgebaut, zusammengefügt. Im Ergebnis wirkt es dennoch leicht und spielerisch, wie ein Form gewordener Gedanke, als lyrische Beschreibung einer Bewegung, einer Geste oder auch einer musikalischen Erinnerung. Das ist das Besondere: Friederich Werthmann folgt wohl einem Konzept, einem „concetto“ wie er sagt, aber es ist kein konstruierendes Kalkül, keine Überlegung der Statik. Die Konstruktion ist nie Selbstzweck oder Demonstration physikalischer oder statischer Extreme, sondern sie ist stets das stille Instrumentarium, das nicht sichtbare Gerüst, das die einzelnen Teile festhält in ihrer Formung als Entelechie, Kugel, Sphäre, sich bewegende Struktur. In den Skulpturen formen sich Gedanken, die Titel der Arbeiten sagen es mehr oder weniger verschlüsselt. Friederich Werthmann ist Poet und Kontrukteur, was er denkt und träumt hält, steht, kippt nicht um; ihm gelingt scheinbar spielerisch die Zusammenführung von Idee und Form.
Sein Werk ist Poesie in Stahl.